Freifunk Augsburg

Blog zu Freifunk Augsburg und Mesh-Netzen im Allgemeinen

Stadtratsausschuss entscheidet sich gegen Freifunk

Augsburg hat sich gegen Freifunk und stattdessen für ein kommerzielles WLAN in der Stadt entschieden. Unser Statement dazu und die (unserer Meinung nach nicht ganz nachvollziehbaren und objektiven) Gründe, warum die Stadt so entschieden hat.

Am Dienstag, den 17.9.2013 fand eine Sitzung des Organisations- und Personalausschusses der Stadt Augsburg statt, der darüber zu entscheiden hatte, wie es mit dem städtischen öffentlichen WLAN weitergehen soll. Der Tagesordnungspunkt dazu sollte zunächst im nicht-öffentlichen Teil der Sitzung behandelt werden, wurde aber dann auf Antrag in den öffentlichen Bereich verlegt, so dass wir - wir waren mit einer Hand voll Freifunker da - die Sitzung als Gäste verfolgen konnten. Zur Abstimmung lag eine Beschlussvorlage des Amts für Organisation und Informationstechnik vor, die den Stadtratsmitgliedern empfiehlt, einen kommerziellen Provider mit dem Aufbau eines öffentlich zugänglichen WLANs am Rathausplatz zu beauftragen und sich damit gleichzeitig, unter für uns nicht ganz nachvollziehbaren Annahmen, gegen Freifunk ausspricht. Am Ende der etwa einstündigen Diskussion (man hätte da sicher noch länger drüber reden können, aber ich finds generell lobenswert dass man sich hierfür Zeit genommen hat), in der auch Christian ein kurzes Rederecht erhielt, stimmten die Mitglieder des Ausschusses mit nur zwei Gegenstimmen (Linke und Grüne) der vorliegenden Beschlussvorlage zu. Augsburg wird am Rathausplatz und evtl. später noch weiteren Plätzen also Hotspots durch einen kommerziellen Provider betreiben lassen anstatt das lokale ehrenamtliche Engagement von Augsburger Freifunkern zu fördern.

Woran ist Freifunk im Ausschuss letztlich gescheitert?

Bei vielen Gesprächen, die wir in den letzten paar Monaten mit Vertretern des Politik und der Ämter führten hatten wir das Gefühl, dass eine realistische Chance besteht, dass Augsburg sich für Freifunk und damit ein freies und innovatives Netzwerk statt einer kommerziellen Hotspot Lösung entscheiden könnte. Was lief also schief?

Websperren als Ausschlusskriterium

Ein Argument, dem wir immer wieder begegneten war bei diesen Gesprächen, dass die Stadt Augsburg ein Problem in ungefiltertem Internetzugang sieht. Als Stadt sei man verpflichtet, diverse Inhalte zu sperren, um Kinder und Jugendliche vor ihnen zu schützen. Wir haben dabei deutlich gemacht, dass wir aus verschiedenen Gründen nicht dazu bereit sind,  Websperren zu errichten und zu betreiben, schliesslich kommt Frei(heit) schon in unserem Namen vor. Wir haben in diesen Vorgesprächen und auch in der Sitzung unsere Argumente vorgebracht, aufgrund deren wir Websperren (aka "Jugendschutzfilter") für bedenklich, weder für geeignet noch für sinnvoll erachten. Diese Argumente wurden gehört, am Ende waren die meisten Mitglieder im Ausschuss aber dennoch der Ansicht, dass ein von der Stadt Augsburg getragenes öffentliches Netzwerk Websperren einsetzen müsse. Eigentlich wären wir also höchstwahrscheinlich schon alleine aus diesem Grund gescheitert. Aber es geht noch weiter und wird noch um einiges unfreundlicher.

Die Beschlussvorlage des Amts für Organisation und Informationstechnik

In einer vorausgegangenen Sitzung beauftragte der Stadtrat das Amt für Organisation und Informationstechnik zu prüfen, ob und unter welchen Voraussetzungen die Stadt Augsburg ein öffentliches WLAN anbieten könne, insbesondere sei zu prüfen, ob dies mit Freifunk Augsburg geschehen kann. Wir führten zwei längere Gespräche mit Vertretern des Amts und beantworteten eine längere Email zu vielen technischen Details. Schliesslich erstellte das Amt eben jene Beschlussvorlage, über die der Ausschuss am Dienstag abzustimmen hatte. Diese Beschlussvorlage vergleicht unter anderem Freifunk mit einem kommerziellen Anbieter, allerdings ausschliesslich unter technischen Aspekten. Weitere weiche Faktoren die für Freifunk sprächen (etwa Förderung lokaler ehrenamtlicher Tätigkeit, freie Software und offene Standards usw.) wurden bei diesem Vergleich komplett übergangen. Aber selbst bei den harten finanziellen und technischen Fakten wurde unserer Ansicht nach nicht objektiv bewertet und es gibt hier einige für uns mehr als fragwürdige Punkte (nicht vollständig, nur ein paar Beispiele):

  • Leistungsfähigkeit: Freifunk: gering, kommerzieller Anbieter: hoch
    Dabei wurde unter anderem angeführt, dass wir Clients auf derzeit 50/20KByte/s drosseln und dies sei zu wenig für einige Anwendungen (Streams, Bilder hochladen...). Wir haben aber in Vorgesprächen darauf hingewiesen, dass dieses Limit verhandelbar bzw. auch deaktivierbar ist und mit schnelleren Internetleitungen durchaus mehr möglich ist.
  • Anzeige lokalisierter Inhalte sei mit Freifunk nicht möglich. Ich erinnere mich nicht genau, ob wir darüber überhaupt gesprochen hatten. Aber wenn wir es haben dann haben wir sicher auch erwähnt, dass z.B. auf der Splash-Seite eigene lokalisierte Inhalte angezeigt werden.
  • Mitbenutzung der städtischen Infrastruktur: Uns wurde gesagt, dass eine Mitbenutzung der städtischen Infrastruktur, die die städtischen Gebäude verbindet und Zugang zum Internet ermöglicht, für Freifunk Augsburg aus organisatorischen und rechtlichen Gründen nicht möglich ist (keine Dritten im Netz), wir müssten also eigene Internetleitungen anmieten. In der Beschlussvorlage heisst es nun aber, ein kommerzieller Provider könne diese Infrastruktur nutzen, während dies für Freifunk Augsburg aus technischen Gründen nicht möglich sei. Als Argument wurde hier angeführt, dass wir für die DHCP-Clients IPs aus 6.0.0.0/8 benutzen. Inwieweit dies aber aus technischen Gründen eine Mitbenutzung der städtischen IT-Infrastruktur verhindert erschliesst sich (zumindest mir) nicht. Die IPs der Clients werden am Router genatted, so dass diese nicht RFC1918-konformen IPs nicht im städtischen Netz geroutet werden müssen. Auch haben wir darauf hingewiesen, dass eine Umstellung dieser Bereiche leicht möglich ist.
  • Kosten Die Beschlussvorlage errechnet für Freifunk und einen kommerziellen Anbieter jeweils exakt die selben Kosten von 5400€ im ersten Jahr und 2400€ an laufenden Kosten in Folgejahren. Dabei wurden Installationskosten von 3000€ veranschlagt. Mag sein dass wir das unter Berücksichtigung von Denkmalschutz auch nicht günstiger hinbekommen hätten. Laufende Kosten seien für einen kommerziellen Anbieter 200€ pro Monat. Auch auf mehrfache Nachfrage an den Verantwortlichen nach der Sitzung konnte ich jedoch nicht in Erfahrung bringen, wofür genau diese 200€/Monat verwendet werden. Da es einem kommerziellen Anbieter ermöglicht wird, die städtische Infrastruktur und den Internetzugang zu nutzen gehe ich davon aus, dass dies nicht für Internetleitungen sondern für Service sein wird. Andererseits wird für Freifunk ebenfalls ein Betrag von 200€ laufende Kosten errechnet. Demnach benötigen wir 4 Access Points für den Moritzplatz (während ein kommerzieller Anbieter nur einen brauchen würde). In Vorgesprächen hatten wir angedeutet, dass auch ehrenamtliches Engagement Grenzen hat und wir ab 10-20 Access Points weitere 15€/Gerät/Monat für die Betreuung veranschlagen würden, damit jemand für die Betreuung bezahlt werden kann. Ungeachtet dessen, dass wir bei der Installation am Rathausplatz noch unter dieser Grenze gelegen hätten und die Betreuung somit ehrenamtlich und kostenlos erfolgt wäre, wurde hier also zunächst ein Betrag von 60€ (4*15€) angesetzt. Zudem wurde berechnet, dass wir zwei "Profi"-ADSL-Leitungen benötigen würden die zusammen 140€ kosten würden. Dieser Betrag scheint uns zu hoch angesetzt (Manitu erlaubt z.b. die kostenlose Mitbenutzung durch Dritte und kommt daher für uns in Frage und ist deutlich günstiger als 70€ pro Leitung). Auch würden diese Kosten überhaupt nicht anfallen wenn man uns ermöglicht hätte, die städtische Infrastruktur mitzubenutzen, um unseren Traffic darüber zu unseren Servern zu tunneln. Im günstigsten Fall wären die laufenden Kosten für Freifunk daher wesentlich geringer ausgefallen als für einen kommerziellen Anbieter. 

Eine Anfrage dazu, ob die komplette Beschlussvorlage veröffentlicht werden darf, läuft derzeit noch. Wir gehen davon aus dass diese Anfrage positiv ausfällt und werden dann die Beschlussvorlage verlinken oder selbst zugänglich machen, damit sich der Leser selbst ein Bild davon machen kann.

Fokusierung auf technische Aspekte

Die Beschlussvorlage geht nur auf technische Vor- und Nachteile der beiden Alternativen (Freifunk vs. kommerzieller Anbieter) ein und ist unserem Empfinden nach dabei auch nicht besonders fair vorgegangen. Ungeachtet dessen ging es bei dieser Entscheidung eigentlich um mehr, nämlich: will die Stadt nur einfache Hotspots mit Zugang zum Internet oder stattdessen ein freies Netzwerk, das mehr ist als nur (evtl. sogar zeitlich beschränkter) Zugang zum Internet. Freifunk ist frei, unabhängig, dezentral. Freifunk schafft nicht nur Zugang zum Internet, sondern baut in erster Linie ein vermaschtes, möglicherweise irgendwann stadtweites freies Netzwerk, das parallel zum Internet existiert und in dem die Benutzer, sofern sie möchten, gleichzeitig auch Besitzer und Betreiber des Netzwerks sind. Freifunk hat zudem sozialen Charakter, von der Vermittlung von Wissen zu modernen Kommunikationsnetzen bis zum erklärten Ziel der Verminderung digitaler Gräben. Ein klares Bekenntnis zu Freifunk wäre zudem eine Anerkennung ehrenamtlicher Leistungen in der Stadt gewesen. Diese Aspekte wurden in der Beschlussvorlage übergangen und man hat sich dort nur auf technische Aspekte beschränkt. Natürlich können wir nicht wie ein kommerzieller Anbieter eine Verfügbarkeit garantieren (SLA) und haben auch keine 24-Stunden-Hotline. Geht es nur darum Hotspots aufzubauen, dann ist uns ein kommerzieller Provider in der Tat in einigen Punkten überlegen. Diese eben genannten weicheren Faktoren (soziales Engagement, Freiheit etc.) spielten bei der Entscheidungsfindung allerdings anscheinend keine so große Rolle, als dass sie die Entscheidung zu Gunsten von Freifunk hätten wenden können. Vielleicht haben wir es einfach auch nicht geschafft diese Aspekte ausreichend zu vermitteln (haben aber unser Bestes beim Versuch das zu tun gegeben).

Und nun? Wie gehts weiter?

Die gute Nachricht ist: Wie zuvor. Uns gibt es seit 2004 in Augsburg und wir machen weiter wie bisher. Dass die Stadt Augsburg lieber kostenlose, aber nicht freie Hotspots statt eines Freifunk-Netzes will ist zwar enttäuschend, aber nicht das Ende der Welt für uns. Wir haben die letzten 3 Monate viel Zeit mit Politik verbracht und sehen das trotz des Scheiterns unseres Anliegens nicht als verschwendete Zeit. Es gab angenehme (und weniger angenehme) Gespräche und es entstanden neue Kontakte. Insgesamt konnten wir die Bekanntheit von Freifunk in Augsburg steigern und unsere Idee vorstellen.

Wir betreiben unser freies Netzwerk auch ohne Unterstützung der Stadt weiter uns sind bestrebt, weiter organisch zu wachsen. Jeder kann bei Freifunk Augsburg mitmachen und das Netzwerk vergrössern, indem er einen eigenen Router betreibt. Auch Du kannst dabei mitmachen!

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